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 Posthypnotische Suggestion vs. Wachinstruktion
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Miraculus
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Deutschland
2573 Beiträge

Erstellt am: 08.02.2010 :  22:55:56 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hallo zusammen,


eine sehr interessante Untersuchung zur posthypnotischen Suggestion wurde durch John F. Kihlstrom und Irene P. Tobis durchgeführt, die bald im "International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis" veröffentlicht werden soll.

Das zentrale Interesse der Studie war, ob posthypnotische Suggestionen automatisch wirken oder nur subjektiv so wahrgenommen werden.
Die bisherigen Untersuchungen sprechen dafür, daß "nur" fdas Gefühl des Automatisches besteht, die Reaktion auf die posthypnotische Suggestion (PHS) aber tatsächlich ein zielgerichtetes und motiviertes Verhalten darstellt.

Tobis u. Kihlstrom schreiben (alles Zitate von mir übersetzt):

"For subjects and observers alike, posthypnotic behavior appears to be automatic, quasi-compulsive and irresistible(...)
However, in hypnosis appearances may be deceiving"

"Für die Subjekte und Beobachter gleichermaßen erscheint posthypnotisches Verhalten als automatisch, quasi-zwanghaft und unwiderstehlich(...)
Allerdings kann der Anschein in der Hypnose täuschen."


Um ein Meßkriterium zu haben, nutzen die Autoren eine gängige Definition derkognitiven Psychologie:

"According to this definition, automatic processes are inevitably evoked by the presentation of some critical stimulus; once engaged, they proceed inevitably to their conclusion, in a ballistic fashion; their execution consumes little or no cognitive resources; and they do not interfere with other ongoing processes."

"Entsprechend dieser Definition werden automatische Prozesse unvermeidlich durch die Präsentation kritischer Stimuli hervorgerufen; einmal begonnen, stezen sie sich unvermeidbar bis zu ihrer Vollendung fort, in einer ballistischen Weise; ihre Ausführung bedarf keiner oder weniger kognitiver Resourcen (gemeint ist die bewußte od. unbewußter Aufmerksamkeit, die dann nicht mehr für andere Aufgaben zur Verfügung steht]; und sie überlagern sich nicht störend mit anderen Prozessen."

Tobis und Kihlstrom fassen dann erst einmal die bisherigen Forschungen zusammen:

Die Reaktion auf die PHS hängt nicht nur von der hypnotischen SUggestibilität ab, sondern auch von Motivation und Erwartungen des Subjekts, und von seiner Interpretation der Äußerungen des Hypnotiseurs.
Mit Verweis auf eine Reihe von Experimenten widerprechen sie der These, daß die PHS einen besonderen "objektiven" Zwang ausübt, ungeachtet der subjektiven Wahrnehmung:

"Nor is there any evidence that posthypnotic suggestions are more powerful, as a means of controlling behavior, than nonhypnotic suggestions (Barnier & McConkey, 1998; Damaser, 1964; Hoyt, 1990, Experiment 1; Orne, 1970)."

"Noch gibt es irgendwelche Indizien dafür, daß posthypnotische Suggestionen ein effektiveres Mittel der Verhaltenskontreolle darstellen als nichthypnotische Suggestionen."

(Anmerkung: Gemeint sind normale Motivationen außerhalb eine hypnotischen und Suggestibilitäts- Kontextes. Beispielsweise wurden Hypnotisierte per PHS beauftragt, dem Experimentator täglich eine Postkarte zu senden; wache Personen bat man hingegen einfach darum, dieser Aufforderung nachzukommen.
Obwohl bei der PHS subjektiv das Empfinden von Zwang auftreten kann, schickten die "wachen" Personen, die man gebeten hatte, mindestens genau so viele Karten.)

In Zusammenfassung weiterer Experimente kommen sie zu dem Schluß:
"Thus, response to posthypnotic suggestion is far from inevitable and incorrigible."

"Also ist die Reaktion auf eine PHS weit davon entfernt, unvermeidbar und unkorrigierbar zu sein."

Was nun die Überlagerung mit anderen Tätigkeiten angeht, so deuten die bisherigen Experimente darauf hin, daß die Ausführung schwieriger posthypnotischer Suggestionen mindestens so viel Aufmerksamkeit braucht und mindestens so stark mit anderen Tätigkeiten interferiert wie das Ausführen normaler Wach-Instruktionen; bei einfachen PHSs hingegen werden ev. weniger Ressourcen beansprucht, und die störende Beeinträchtigung anderer Tätigkeiten ist geringer.

In der vorliegenden Studie wurden zuerst Personen ausgewählt, die leicht tief hypnotisierbar sind.
(Genommen wurden Personen mit 11 od. 12 von 12 Punkten auf der SHSS:C, die außerdem erfolgreich auf Suggestionen zur Amnesie und PHS reagiert haben.
Erfahrene Beobachter sagen, daß diejenige, die hoch bei der SHSS:C abschneiden gut dem Bild des klassischen "tief" bzw. "sehr tief" hypnotisierten Subjekts entsprechen; das leuchtet ein, denn die SHSS:C hat einige schwierige Items.)


Der Verlauf der Experimente sieht (grob) so aus:

Die Probanden wurden zuerst mit einer Aufgabe an einem Computer vertraut gemacht.
Auf einem Bildschirm erschienen drei Ziffern: Links, rechts und in der Mitte.
Dabei gab es drei Tasten, die man drücken konnten: links, rechts und in der Mitte.

Die Probanden sollten dann bei einer Reihe von Durchgängen schnell die Taste drücken, die unter einer bestimmten Ziffer lag, nämlich unter der 7.
Wenn die 7 also rechts auf dem Monitor erschien, dann sollte man schnell die rechte Taste drücken, und entsprechend die linke od. mittlere, wenn sie in der Mitte oder links erschien.
Dies wurde durch eine Reihe von Tests eingeübt.

Die Probanden wurden dann hypnotisiert, und es wurde ihnen suggeriert, beim nächsten Durchgang würden sie die diesmal die Taste unter der Ziffer 5 statt der 7 drücken. (1*)
Es wurde Amnesie suggeriert.

Danach wurden die Probanden "geweckt" und die Amnesie wurde überprüft; alle Probanden waren für die Suggestion amnestisch.

Nun kam ein weiterer Schritt:
Die Autoren gaben nun den Versuchspersonen nach Beendigung der Hypnose im Wachzustand die Instruktion, jedesmal die zur Zahl 3 zugehörige Taste zu drücken.

Anders gesagt gab es nun zwei einander widerprechende Anweisungen: Während der Hypnose wurde per PHS suggeriert, daß die Probanden auf die Zahl 5 reagieren sollen; im Wachzustand wurde ihnen hingegen gesagt, sie sollten die 3 beachten.
Danach absolvierten die Probanden erneut den Computer-Test mit einer Reihe von Bildfolgen.

Das Resultat zeigte, daß die Probanden zu gleichen Teilen der Instruktion und der PHS nachkamen, sozusagen halbe-halbe.
Wenn nur eine der kritischen Zahlen auftauschte, reagierten jeweils 77%(auf die PHS) und 74% (auf die Wachsggestion). Der Unterschied erricht keine statistische Signifikanz.
Wenn beide kritischen Zahlen (5 und 3) gleichzeitig auftauchten, so wurde auf jede der Zahlen zu durchschnittlich 49% reagiert.

Dabei beeiträchtigten sich PHS und Wachinstruktion gegenseitig auch dann, wenn nur eine der kritischen Ziffern auf dem Monitor erschien: Wenn ein Subjekt besser auf die PHS reagierte, dann reagierte es auch dann weniger auf die Wachinstruktion, wenn diese nicht mit der PHS im Konflikt war - und umgekehrt.

Obwohl auf bewußter Ebene Amnesie herrschate, zeigte sich eine Verunsicherung der Probanden, was sie tun sollten:
Fast alle Probanden gaben im postexperimentellen Interview - als die Amnesie noch nicht aufgehoben war - an, daß sie sich nicht sicher waren, ob sie den Test korrekt durchführten.
Sie empfanden den test auch als schwieriger.
Und:
"Many subjects showed non-verbal signs of agitation during the test, including shifting in their chairs, sighing, and facial expressions."
"Viele Subjekte zeigten non-verbale Anzeichen der Agitation während des Tests, einschließlich dem Vershieben des Stuhles, Seufzen und entsprechende Gesichtsausdrücke."

Tobis und Kihlstrom schließen:

"When a posthypnotic suggestion is put into direct conflict with a nonhypnotic instruction of the same kind, it is no surprise that one interferes with the other – though it is interesting to observe that the posthypnotic suggestion did not by any means dominate behavior."

"Wenn eine PHS in einen direkten Konflikt mit mit einer nicht-hypnotischen Instruktion der gleichen Art gesetzt wird, ist es keine Überraschung, daß die beiden interferieren - auch wenn es interessant zu beobachten ist, daß die posthypnotische Suggestion in keiner Weise das Verhalten ddominierte."

Die Reaktion auf die posthypnotische Suggestion ist also keineswegs automatisch im Sinne der technischen Definition von Automatizität entsprechend dem Konzept der kognitiven Psychologie.

Die jetzige Studie zeigt auch, daß selbst sehr gute hypnotische Subjekte keineswegs immer auf den posthypnotischen Auslöser reagieren, nicht einmal, wenn er innerhalb des experimentellen Settings dargeboten wird. Ein erheblicher Teil der "tief hypnotisierten" Subjekte wurde sogar dahin beeinflußt, statt auf die PHS auf die normale Instruktion zu reagieren.

Die Autoren betonen, daß die Resultate nicht der subjektiven Erfahrung widerprechen, daß hypnotische und posthypnotische Reaktionen unwillkürlich stattfinden.
Sie konstatieren:
"Automatic responses are involuntary by definition, but actions experienced as involuntary may not be automatic. This appears to be the case with response to posthypnotic suggestions."

"Automatische Reaktionen sind per Definition auch unwillkürlich, aber Handlungen, die als unwillkürlich erlebt werden, müssen nicht automatisch sien. Dies scheint beim Reagieren auf posthypnotische Suggestionen der Fall zu sein."


Vor dem Hintergrund zahlreicher Forschungen zur PHS kann man es auch so ausdrücken: Das Reagieren auf die PHS stellt - selbst wenn auf bewußter Ebene Amnesie herrscht - ein intelligentes und zielgerichtetes Verhalten dar, das unter der willentlichen Kontrolle des Subjekts steht. Das gilt, auch wenn es vom Subjekt als automatisch und zwanghaft erlebt wird und auch auf den Beobachter zuerst einmal ebenfalls automatisch wirkt.

Im Fall der vorliegenden Studie wußten die Probanden offensichtlich nicht sicher, was sie tun sollten, und entschieden sich daher zu gleich großen Teilen, der PHS oder auch der Wachinstruktion zu folgen.
Wichtig ist, daß selbst wrklich "tief hypnotisierte" Versuchspersonen zur Hälfte nicht der PHS folgten.

Interessant ist natürlich auch, daß der Konflikt zwischen Wachinstruktion und PHS sich im Gefühl der Verunsicherung und der Körpersprache der Probanden zeigte, obwohl die Probanden für den Inhalt des Konfliktes amnestisch waren.

Naheliegend ist natürlich nun die Frage nach dem therapeutischen Wert der PHS, wenn sie scheinbar nicht "stärker" ist als eine Wachinstruktion, wie verschiedene Experimente zeigen.

Dazu will ich dann morgen meine persönliche (und hoffentlich beruhigende) Meinung schreiben.

(1*) Genau gesagt wurde der einen Gruppe per PHS gesagt, sie sollen auf die 3 reagieren, der anderen, daß sie die Taste unter der 5 drücken sollten; es wurde dann jeweils die umgekehrte Wachinstruktion gegeben. Es gab außerdem auch eine Kontrollgruppeohne Hypnose. Ich stelle etwas vereinfacht dar und beschränke mich auf die wesentlichen Resultate.

LG Miraculus

Wenn irgendein Mensch etwas tun kann, kannst du es auch. (Richard Bandler)

Bearbeitet von: Miraculus am: 08.02.2010 23:00:58 Uhr

Miraculus
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Deutschland
2573 Beiträge

Erstellt  am: 09.02.2010 :  21:25:08 Uhr  Profil anzeigen  Antwort mit Zitat
Hallo zusammen,


einerseits handelt es sich bei diser Art von posthypnotischen Suggestionen, wie sie im obigen Artikel autauchen, um Bitten/Instruktionen, daß der Proband zu einem bestimmten Zeitpunkt od. bei einer bestimmten Gelegenheit betwas "tun" (erleben) soll. Beispielsweise soll er auf ein Signal hin husten, eine Amnesie entwickeln, die Hand heben, oder eine Halluzination erleben.
(Ephypnotische Suggestionen nach Forel und Meinhold.)

Die posthypnotischen Suggestionen, die man gewöhnlich ind der Therapie verwendet, zielen hingegen auf eine Veränderung von Motibation, Erwartung, Einstellung, Gefühl usw. ab.
(Z.B., daß jemand sich im ALltag besser entspannt oder selbstbewußter wird usw.)


Der Unterschied ist eigentlich sehr grundlegend, wird aber m.W. seltsamerweise fast nie betont.
Diese beiden Arten von posthypnotischer Suggestion setzen offensichtlich teilweise andere Verarbeitungsmechanismen vorraus.

Man kann m.E. daher keine Schlüsse von der einen Art posthypnotischer (ehpnotischer) Aufträge auf die andere Art ziehen, oder nur sehr bedingt, obwohl das oft getan wird. (Z.B. in der Revenstorf -Expertise.)
(1*)

Zum anderen haben die Studien, wie die oben beschriebene, nur gezeigt, daß Motivation eine notwendige Vorraussetzung für die Raktion auf die PHS ist, und daß die Probanden sich bei einer ambivalenten Suggestion unsicher sind.


Hingegen kann es m.E sehrwohl der Fann sein, daß auf eine PHS besser reagiert wird als auf eine normale Instruktion, wieil zumindest gewisse Unterschiede in der Umsetzungsweise bestehen, und weilsie anders erfahren werden, aals müheloser.
Wenn also die gleiche Motivation da ist, dann man es subjektiv leichter sein, auf eine PHS zu reagieren. (Ich glaube Aanda Barnier, die viel zu dem Thema geforscht hat, hat etwas ähnliches gesagt, aber ich finde es nicht und bin niht sicher.)

Meine Überzeugung ist, daß posthypnotische Suggestionen - vor allem solche, die Einstellungen und Erwartungen und Reaktionsmuster betreffen - sehr effektiv sein können, eine entsprechende Motivation und "Aufnehmebereitschaft" durch den Hypnotisierten vorrausgesetzt.

-------

(1*) Der einzige mir bekannte Text, der diesen Unterschied würdigt, ist dieser:
http://www. acumedic.com/books/bk3261.pdf
Da in der wissenschaftl. Literatur gewöhnlich auf einander verwiesen wird fürchte ich, daß er eine ziemliche Ausnahme darstellt.


LG Miraculus

Wenn irgendein Mensch etwas tun kann, kannst du es auch. (Richard Bandler)
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